Vom Kulturschock, Kaufgewohnheiten und der Verhältnismässigkeit

Nun bin ich seit über 2 Monaten zurück in Deutschland und ähnlich wie damals der Kulturschock in Shanghai, ist auch in die andere Richtung sehr viel interessantes zu beobachten. So wohne ich jetzt auch wieder an einem Ort, an dem ich der Sprache nicht mächtig bin …Schwäbisch… Späßle g’macht. Leider find ich im Moment nicht die Zeit das Alles sauber zu dokumentieren, aber es macht wirklich Spass die Mitmenschen zu beobachten und mit den Verhaltensweisen in Asien zu vergleichen. Anderseits stelle ich einige Veränderungen in Deutschland fest,bei denen ich ehrlich gesagt nicht sicher bin ob es nicht eher Veränderungen an mir selbst sind. So bin ich es inzwischen gewohnt auch mal bei Preisen etwas zu verhandeln und nicht gleich aufzugeben … und… es funktioniert! Ist das neu, oder hat da die ‘Geiz ist Geil” Welle den Weg bereitet? Ich bin der Ansicht, dass man nicht überall den letzten Cent rausdrücken muss, aber es macht ja auch Spass mit Leuten einfach nett über den Wert von Dingen zu diskutieren, wenn man dennoch das Motto “Leben und Lebens lassen” respektert. Was ich bezüglich Kaufgewohnheiten nicht verstehe ist, dass sich viele Deutsche Mitmenschen inzwischen ständig über die Flut von Produkte aus Asien bzw der Produktionsverlagerung nach Fernost  beschweren und sich anderseits bei Aldi und Co jede Wochen den Einkaufswagen mit diesen Waren füllen. Mir fällt auch auf, dass in den Geschäften immer mehr minderwertige Ware liegt, aber warum kaufen die Leute diese schlechte Qualiät dann? Es war für mich die letzten Wochen wirklich öfters ein Problem höherwertige Produkte zu finden. Die Dinge mögen zwar günstig sein, aber  auch von unglaublich billiger Qualität und schlussendlich ihr Geld doch nicht wert! Da sind die Chinesen einen Schritt weiter (oder Jahre hinterher), denn sie sind stolz sich inzwischen gute Deutsche Qualität leisten zu können und belächeln, welcher Schrott in die hoch entwickelte westliche Welt exportiert wird. Schon eine komische, anderseits bedenkliche Entwicklung.

Auch andere Eigenarten der Deutschen werden einem klarer, wenn man ein bisschen Abstand hat. Folgende Szene konnt ich vorletzen Samstag beobachten: Nach einem netten Kneipenabend besteige ich kurz vor Mitternacht die S-Bahn am Münchner Marienplatz. An der Station steigt u.a. ein älterer Herr mit zwei Plastiktüten und einem Kasten Bier ein. Er setzt sich im Gang, mit dem Rücken zu mir auf den Bierkasten. Die S-Bahn Türen bleiben eine ganze Weile offen, bis die Durchsage des Schaffner kommt, das sie die Weiterfahrt wegen eines technischen Problems des voranfahrenden Zuges etwas verzögert. Plötzlich erklingt Musik im Abteil… die Quelle ist nicht gleich auszumachen und wie viele andere Mitreisenden vermute ich zuerst eine kleinen Scherz des Zugführers. Erst als auf einmal ein etwa Ende Zwanziger aufsteht und den älteren Herrn mit dem Radio beschimpft, wird klar, dass dieser sein kleinen Kofferradio angeschaltet hat um uns während der Wartezeit aufzuheitern. Der junge Mann schimpft und droht dem Mann mit dem Radio mit Konsequenzen, wenn er nicht sofort die Kiste ausmacht. Ein weiterer Herr mittleren Alters steht auf und sagt dem jungen Mann, dass es sich nicht gehört Leute zu beleidigen und zu drohen, auch wenn das Radio stört. Das kann man auch anders sagen. Es entsteht ein verbaler Streit der beiden, der aber eher gemässigt verläuft und dem die anderen Fahrgäste belustigt folgen. Soweit war ja alles ok und ich bewunderte die Courage des Mitreisenden …

Dann eskaliert die Situation. Der Herr mittleren Alters sagt dem jungen Mann, dass wenn er sich jetzt nicht benimmt, ruhig ist und sich hinsetzt, wird er die Polizei rufen… die Fahrgäste horchen auf.  Als der junge Mann nicht reagiert, holt der Andere das Handy raus und ruft wirklich die Polizei. Als er die Situation der Zentrale erklärt, ertönen missbillingende Rufe aus dem Abteil. Inzwischen ist die S-Bahn eine Station weitergefahren, die Störung scheinbar behoben, doch nun bleiben wir wieder stehen und aus dem Lautsprecher ertönt eine Stimme welche ankündigt, dass sich die Weiterfahrt nun wegen eines Polizeieinsatzes verzögert ! 5 Minuten später treffen 6 Polizisten ein und sind sichtlich etwas genervt, wegen so einer Lapalie gerufen worden zu sein. Der Einsatzleiter macht allen Beteiligten auch klar, dass er die Sache nun auch durchziehen muss und entsprechend die Personalien aufzunehmen sind. Resultat war, dass wir ueber 40 Minuten durch diesen Einsatz festsassen und mit uns alle nachfolgenden Münchner S-Bahnen, die nach uns durch den Tunnel wollten…

Ich finde es sehr interessant, wie die zuerst lobenswerte Courage des Herren  dann doch noch so entgleist ist und wie mutlos er schlussendlich doch war, gleich nach der höheren Instanz, der Polizei zu rufen. Das ist nicht verhältnismäßig. Mir sind übrigens die wirklich erschreckenden Fälle von Gewaltausbrüchen von Jugendlichen des letzten Jahres bekannt, aber der junge Mann war alleine und sah alles andere als gefährlich aus. Da muss man nicht gleich die Polizei rufen.

Diese Geschichte passt gut in das Bild anderer Beobachtungen, welche ich in den letzten Wochen machen durfte. Wenn man es mal ganz hart zusammenfassen will, dann hat man als Asiate den folgenden Eindruck: Die Deutschen eschofieren  sich fürchterlich schnell über Sachen, die es nicht wert sind. Man protestiert gegen Dinge, ohne Ideen für eine bessere Lösung des Problems parat zu haben (ich spreche hier u.a. von der Diskussion über die Kernkraft). Wenn man dann nicht mehr weiterweiss, dann ruft man sofort nach der höheren Instanz oder  beschuldigt andere die Situation verursacht zu haben.

In Asien hätte sich hier sehr wahrscheinlich niemand über die Musik in der S-Bahn aufgeregt und falls doch, dann nur wenn man die Sache sicher ohne Gesichtsverlust abschliessen kann. Das ist natürlich auch nicht immer gut ! Während meine Zeit in China hatte ich ja immer die Befürchtung in einen Verkehrsunfall verwickelt zu sein und niemand hilft mir, weil von den Chinesen niemand Verantwortung übernehmen will.

Wie gesagt, dass sind nur meine persönlichen Beobachtungen – eine pauschale, optimale Handlungsweise gibt es natürlich nicht. Verhältnismäßigkeit ist angesagt, wobei die Grenzen wiederum stark von der jeweiligen Kultur abhängen.

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